Bistrot du Mail (2009/07)
Geschrieben von daniela am 13. Juli 2009 | Abgelegt unter belgien[essen+trinken], essen+trinken[auswärts]
Schon bei der Ankunft wird klar: das Bistrot du Mail ist eine Art Szenelokal … Blieb nur zu hoffen, dass es mehr kann, als nur In zu sein.
Bedient wurden wir von 3 “Mädls”, alle betont leger und locker in Jeans gekleidet, die Oberteile je nach Lust und Laune ausgewählt, also kein Einheitslook.
Wenngleich höflich – warm und herzlich ist die Begrüßung nicht. Dieses Gefühl willkommen zu sein, stellt sich leider nicht ein. Einige Gäste werden mit dem typisch oberflächlichen Bussi-links-Bussi-rechts Gehabe begrüßt und uns wird schnell klar, dass uns der erste Eindruck nicht getäuscht hat.
Einziger Lichtblick ist die unseres Erachtens jüngste Bedienung. Beim Wein schwächelt zwar auch sie trotz ziemlich übersichtlicher Weinkarte eindeutig, aber zumindest ist sie sehr bemüht. Das Servieren des Essens meistert sie tadellos, stellt die Gerichte vor und bemüht sich auch, uns nicht so geläufige französische Ausdrücke,mit Hand und Fuß zu übersetzen. Davon könnten sich die anderen beiden eine große Scheibe abschneiden: Teller wortlos bzw. bloß mit einem kurzen “Bon appétit!” zu servieren, das gehört sich in einem 1*-Restaurant einfach nicht. Zumal die Speisen teilweise wirklich raffiniert waren und durchaus auch Elemente enthielten, die eine kurze Erklärung wert gewesen wären.
Aber genug vom Negativen.
Der Raum wirkt trotz stylishem Interior recht freundlich. Von der Größe her ist er sehr übersichtlich. Man hat nicht all zu viel Platz zwischen den Tischen, allerdings waren sie an dem Abend so angeordnet, dass man nicht gezwungen war, das Tischgespräch der Nachbarn mitanzuhören. Die Wände sind in einem warmen oliv-Ton gehalten, was dem modern eingerichteten Raum Wärme vermittelt.
Der Weg zu den sanitären Räumlichkeiten führt an der offen gehaltenen Küche vorbei, was für uns immer einen Pluspunkt bedeutet.
Nun aber zu dem Positivsten überhaupt: die Küche. Vom Essen waren wir an diesem Abend wirklich mehr als überzeugt. Damien Bouchery geht wunderbar mit den Aromen um, kombiniert sie teilweise sehr überraschend und zeigt sich bisweilen im Anrichten und Auswählen der Speisen sehr mutig.
Als Gruß der Küche kam eine Art Linseneintopf mit geschmorrtem Rindfleisch und einem lauwarmen Ziegnkäse im Blätterteig, wunderbar abgeschmeckt mit ein wenig Balsamico.
Nicht nur optisch sondern auch geschmacklich gelungen war der 1. Gang. Eine Art Kartoffelpürree mit Georgspilzen, Sommertrüffeln (für mich verzichtbar), Portulak, mit seinem typischen leicht säuerlichen Geschmack, unterlegt mit einer Sülze und garniert mit einem pochierten Ei. Das hört sich vielleicht nicht so aufregend an, war aber wieder einmal so perfekt abgeschmeckt und so fein von Qualität, dass wir wirklich restlos begeistert waren.
Eine für uns neue Kombination wurde dann im 2. Gang präsentiert. Eine grobe Foie Gras mit Taschenkrebs aus der Bretagne, serviert mit einer sehr geschmackvollen Gazpacho und würzigen Brotchips. Das passte einfach wunderbar zusammen.
Zum perfekt gebratenen St. Pierre, der nur leider absolut nicht zu unseren Lieblingsfischen gehört und den wir auch leicht glasig so gar nicht mögen, gab es wahnsinnig zarte Artischocken, die mit gehackten Pilzen und Schinken gebraten wurden, Chorizo, Bohnenkraut und wunderbar kleine knusprige Streifen, die sich später als Schweineohren herausstellten. :)
Oft ist das kleine kalte Sorbet, das vor dem Hauptgang zur Magen- und Geschmacksauflockerung serviert wird, mehr Pflicht als Kür. Hier jedoch nicht. Das Estragonsorbet war klasse und die Kirschen oder Weichseln dazu, rundeten den Geschmack wunderbar ab.
Den mutigsten Ansatz gab es dann im Hauptgang. Auf dem Teller angerichtet fand sich eine geräucherte Taubenbrust mit Holunder-Jus, eine Scheibe der Taubenniere und ein Taubenfuss – inklusive Krallen. Seht selbst. :)
Ein Zeichen dafür, dass die Nachspeise einfach nur grandios war, ist die Tatsache, dass Thomas’ sie schnell völlig weggeputzt hat – und das, obwohl sie nicht aus Schokolade bestand. :) Aber die pochierte Birne mit ihrem Nelkensud und das Nelken-Eis mit frischen Mandeln passten perfekt zu den sommerlichen Temperaturen, auch wenn man das nicht glauben mag. Erinnern diese Geschmacksnuancen doch eher an winterliche Abende vor dem Kamin.
Kulinarisch gesehen war der Besuch des Restaurants auf jeden Fall eine Reise wert! Mit 75,- Euro für ein 5-Gang-Menü war der Preis für unser Empfinden ein wenig happig, die Weinkarte ist sehr übersichtlich und eher teurer, schwer ok dafür die Preise für das Wasser und den Kaffee (auch wenn dieser so was von ungenießbar war …) – dafür werden ja heutzutage sehr oft wirklich freche Beträge in Rechnung gestellt. Wenn man über gewisse Servicemängel hinwegsehen kann, dann ist die Atmosphäre auch ganz ok, für einen gemütlichen Abend zu zweit, würden wir aber eher andere Restaurants empfehlen.
[Bewertung 2009 > Guide Michelin: 1 Stern]
1 Kommentar »










am 5. Mai 2010 um 09:25 1.l'art de vivre » Gourmetwochenende in Brüssel (2009/07) schrieb …
[...] wo wir zwar vom ganzen d’rum herum nicht 100%ig überzeugt waren, um so mehr aber vom Essen. Lest [...]