The Fat Duck (2009/05)
Geschrieben von daniela am 21. August 2009 | Abgelegt unter england[essen+trinken], essen+trinken[auswärts]
Höhepunkt unserer Südengland Reise im Mai 2009 war definitiv der Besuch von Heston Blumenthal’s Restaurant Fat Duck.
Schon einige Male hatten wir vergeblich versucht, dort einen Platz zu ergattern. Bisher ohne Erfolg.
Ob es die sogenannte Finanzkrise war, der “Skandal” rund um die 2wöchige Schließung des Restaurants oder irgendein anderer glücklicher Umstand, dem wir den Termin zu verdanken hatte, den ganzen Urlaub hindurch freuten wir uns wie Kinder auf den Tag am Ende unserer Reise, den wir mit Spannung erwarteten.
Um eines vorweg zu nehmen: eine Lebensmittelvergiftung als Grund für die an Übelkeit, Fieber und Erbrechen erkrankten Gäste konnte nach umfangreichen Untersuchungen von Seiten der britischen Behörden ausgeschlossen werden, genauso wie mangelnde Hygiene oder eine Verursachung der Symptome durch Mitteln, die in der Molekularküche verwendet werden. Offensichtlich war es eine Infektion, die sich durch das Servicepersonal oder die Gäste verbreitet hat. Unangenehm, aber für uns kein Grund, um das Restaurant einen Bogen zu machen.
Das Restaurant liegt in dem sehr schmucken Örtchen Bray, unweit von London und sieht von außen recht unscheinbar aus. Würde man nicht voller Vorfreude mit wachsamen Augen die Straße entlang gehen, könnte man glatt daran vorbeilaufen. Selbst das Markenzeichen des Restaurants, das vor dem Eingang herabhängt, hätten wir fast übersehen: der Löffel, der an einen Entenschnabel erinnert, das Messer, das einer Entenfeder ähnelt und die Gabel, deren Zinken die Form eines Entenfußes hat.
Beim Eintreten steht man quasi schon im Raum, der klitzekleine Eingangsbereich ist nur durch einen schweren Vorhang vom Speisesaal abgetrennt.
Die Begrüßung ist sehr höflich, die Herzlichkeit vermisst man allerdings ein wenig. Unser Platz, gleich am Eingang beim Fenster, war eigentlich ganz ok, da man nicht mitten im Trubel saß und seine Ruhe hatte, andererseits finde ich es nicht ganz so toll, am Rand zu sitzen, da man so nicht die Möglichkeit hatte, die Stimmung im Raum zu erfassen.
À la carte wird dort wohl kaum jemand essen. Wenn man schon einmal das Glück hat, hier einen Tisch zu ergattern, kommt eigentlich nur das Menü in Frage. Zumindest sehen wir das so. :) Also fiel unsere Wahl ziemlich schnell auf das 15-gängige Tastingmenü.
Der Menüpreis ist mit £ 130,- natürlich nicht ganz billig, aber immerhin liegt dieses Restaurant schon seit einigen Jahren unter den top-3-Restaurants der Welt und angesichts des Aufwandes, der hier betrieben wird, ist er durchaus angemessen.
Weitaus heftiger empfanden wir die Preise für die Weinbegleitung: man hat die Wahl zwischen drei Kategorien, jeweils zu £90, £165 oder £195 pro Person. Gut fanden wir, dass die Weine, die zur Begleitung angedacht waren, auf der Menükarte aufgelistet werden. Das haben wir so noch nicht sehr oft erlebt, meist eröffnet sich einem die Weinwahl erst kurz vor dem jeweiligen Gang. Man hat so also die Möglichkeit zu entscheiden, ob einem die Weine den Preis wert sind.
Wir entschieden uns letztendlich, sämtliche Vernunftgedanken in den Wind schießend, für die goldene Mitte, da uns der Unterschied der Weine zwischen der billigsten und mittleren Kategorie am größten erschien.
Teilweise passten die Weine einfach perfekt zum Essen und es war nicht ein “schwacher” Wein dabei. Aber ob die Weine wirklich DEN Preis wert waren … Das muss letztendlich ein jeder für sich entscheiden. Letztendlich wäre uns eine flaschenweise Bestellung aber auch nicht viel günstiger gekommen, da die Flaschenpreise auch eher im höherpreisigen Segment liegen. So hatten wir immerhin einige Male den Genuss, eine außerordentlich abgestimmte Komposition von Wein und Essen genießen zu können.
Zum Aperitif bekamen wir eine Schale grüner Oliven. Dann ging es aber auch schon gleich los mit den Menüspeisen. Nicht, dass wir am Ende eines 15-gängigen Menüs nicht satt gewesen wären, oder uns bei so vielen Gängen noch irgendeine Geschmacksnuance gefehlt hätte – aber so ganz ohne Gruß der Küche? Naja …
Geschmacklich hochkonzentriert, perfekt abgestimmt und präsentiert, sowie alle Sinne ansprechend – ich denke, das umschreibt am Besten unseren allgemeinen Eindruck.
Zur Auflockerung wurde uns als allererstes ein Grüntee- und Limonenmousse serviert, das vor unseren Augen in Stickstoff gefroren wurde. Heutzutage für diejenige, die sich mit der Thematik beschäftigen, nicht mehr wirklich ein Highlight. Wenn man allerdings bedenkt, dass hinter dem Gang die Jahreszahl 2001 zu lesen war, dann kann ich mir gut vorstellen, dass das damals für richtig großen Augen bei den Gästen gesorgt hat!
Danach verfallen wir der Senfeiscreme mit einem Rotkohl-Gazpacho. (Ja, ich weiß, das hört sich komisch an, aber es heißt nun ‘mal DER und nicht DI Gazpacho … :)).
Bei der Homage an Alain Chapel, einem bereits verstorbenen Michelin 3* Koch und Mitbegründer der sogenannten “Nouvelle Cuisine”, war dann zum ersten Mal unsere ganze Aufmerksamkeit gefordert. Serviert wurde ein “rauchendes” Eichenmoos und erst als sich der kalte “Rauch” löste, kamen die einzelnen Komponenten vollständig zum Vorschein: Wachtel, Gelee in einer Art “FTD-Film-Speicherkartenschatulle”, auf einem kleinen Holzbrettchen der Trüffeltoast mit Eichenmoos und in einem Suppenteller die Langustinencremesuppe mit einem Foie-Gras-Parfait. Das war auf jeden Fall neben der Gaumenfreude ein Erlebnis für die Augen!
Auf den nächsten Gang hatte sich Thomas schon den ganzen Tag “vorbereitet”: Schneckenbrei. Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers schwankte zwischen der Entschlossenheit, alles zu probieren, dem Ekel Schnecken zu verkosten und der Faszination, wie schön der Teller angerichtet war. Das Resümee fiel einstimmig aus: gar nicht ‘mal so schlecht! Vor allem die Kombination mit dem kross gebratenen Jabugo-Schinken, gewonnen aus den schwarzen, iberischen Schweinen – pata negras, die sich nur von Eicheln ernähren, und dem gehobelten Fenchel war wunderbar und ließ den Geschmack der Schnecken gut hervorkommen. Viel feiner war schmeckten die Tiere, als bei dem sonst üblichen Gericht, wo Schnecken mit Kräuterbutter überbacken werden.
Ein absolutes Highlight war dann die gebratene Foie Gras mit Bittermandelaromen, Kirschen und zerpflückter Kamille. Ohne Übertreibung eine der besten Foie Gras meines Lebens!
Auch der nächste Gang versprach, alle Sinne anzusprechen: Sound of The Sea. Eine große Muschel, in der sich ein kleiner iPod mit Kopfhörern befand, wurde an den Tisch gebracht. Jetzt war es ausnahmsweise erwünscht und wurde nicht als unhöflich angesehen, sich die Kopfhörer ins Ohr zu stecken und einige Minuten lang dem Rauschen des Meeres und dem Geschrei von Möwen zuzuhören, anstatt sich zu unterhalten. Währenddessen genoss man schlicht und einfach Sushi, wie Thomas immer erzählt. Naja, ganz so “einfach” war es nicht, da muss ich schon immer ein klein wenig widersprechen. :) Der rohe Fisch wurde auf einer Glasplatte serviert, unter der sich Sand befand. Dazu gab es ein “meeriges” Schäumchen und irgendein gefriergetrocknetes Zeug, das wie Sand aussah und ehrlich gesagt auch ein wenig danach schmeckte. Aber der Fisch war ausgesprochen fein und mit der Musik im Ohr schmeckte es gleich doppelt so gut!
Der 7. Gang ließ unsere Augen wieder heller leuchten, zumal außerordentlich schön angerichtet: ein pochierter Lachswürfel, der einfach perfekt mit einem Likörgel ummantelt war (Habt ihr schon einmal versucht Gelee so zu verarbeiten? Ein Horror, kann ich euch nur sagen!), serviert mit grünen Spargelspitzen und einer Vanille-Mayonnaise, in die ich mich reinsetzen hätte können.
Die Ballotine aus Anjou-Taube schmeckte einfach hervorragend, nur noch getopt von der grenzgenialen Jus, die dazu serviert wurde.
Zur Überleitung zum Dessert gab es dann eine kleine Geschichte über eine sogenannte Mrs. Marshall zu lesen und man bekam auch gleich eine Probe von Mrs. Marshall’s Kekstüte (oder wie wir in Österreich sagen: Stanitzel) zur Verkostung, gefüllt mit einem köstlichen Apfeleis.
In einer wirklich hübsch anzusehenden crèmefarbenen-schwarzen kleinen Tüte mit TFD-Logo wurde uns dann eine Latschen-/Kiefernbrause serviert, die wir mit einer ausgehöhlten Vanillestange bis auf den letzten Rest auf der Tüte kratzten.
Die Hauptnachspeise war wieder einmal der reinste Augenschmaus und geschmacklich auch ein absoluter Hit. Fruchtig und mit ungewohnten Aromen, nur leider ohne Schokolade – armer Thomas. :) In eine rechteckige Form gebracht, lag eine Art Bayrische Crème aus Litschi und Mango auf dem Teller, bedeckt mit einem absolut delikaten Mangopüree, das wiederum mit zerpflückten Douglasienstücken bestreut war und verziert mit wunderbaren kleinen Geleewürfeln aus schwarzen Johannisbeeren und grünen Pfefferkörnern. Dahinter lag eines der besten Sorbets, das ich jemals genießen durfte, hergestellt aus schwarzen Johannisbeeren.
Zum Ende hin gab es “Rührei mit Speck” – wieder ein kleines Schauspiel: der Stickstoffwagen wurde herbeigerollt und ein Ei mit dem TFD-Logo wurde uns präsentiert. Die Hand war sorgfältig platziert, darauf achtend, den hinteren Teil des Eis zu verdecken. Selbst auf mehrmaliges Nachfragen gelang es uns nicht, den Kellner dazu zu überreden, uns auch die andere Seite des Eis zu zeigen. Das Ei wurde “aufgeschlagen” und das Innere in den Stickstoff geleert. Derweil wurde uns ein Teller gebracht, darauf lag eine Art French Toast, belegt mit einer knusprigen Scheibe Speck, die, wie sich nachher herausstellte, mit einer hauchdünnen Zuckerglasur überzogen war. Das schmeckte fantastisch! Aber zuerst wurde unser Teller noch mit dem Ergebnis des Ei-Stickstoff-Experiments belegt. Ausgesehen hat das ganze dann so:
Diese süßliche und doch würzige Speck-Eiscrème zum French Toast und dem mit Zuckerglasur überzogenem Speck war einfach der HAMMER! Wir dachten zuerst, dass dies mehr ein Gag als eine Gaumenfreude werden würde. Aber weit gefehlt! Der Geschmack topte die zweifellos gelungene Präsentation doch.
Und weil wir noch immer nicht genug hatten, gab es zum Abschluss noch ein kleines Veilchentörtchen und ein Karamellzuckerl mit Apfelkuchengeschmack, das in eine Art essbares Zellophan eingewickelt war. Dazu gab es so etwas Ähnliches wie Schwedenbomben (Deutschland: Schoko-/Schaumkuss): eine glänzende Kuppel, die Mandarinenluft, also fluffigen Schaum, enthielt und die mit einer glänzenden und schimmernden dunklen Schokolade überzogen war. Herrlich!
Wie schon bei der Begrüßung, war der Service zu jeder Zeit äußerst höflich und aufmerksam, keineswegs überheblich, aber sehr konzentriert und ein wenig distanziert. Erst gegen Ende des Abends gelang es uns, den einen oder anderen ein wenig aus der Reserve zu locken. Man merkt einfach, dass es hier ohne einen disziplinierten Zeitplan einfach nicht funktionieren würde, dass alle extrem auf ihre Aufgaben eingeschult sind – was bis zu einem gewissen Grad auch erklärbar und logisch ist, angesichts der sehr aufwändigen Kreationen, die hier serviert werden. Andererseits verpasst man so die Gelegenheit, dem Gast das Gefühl zu geben, dass er sich hier rundum wohl fühlt, sich fallen lassen und die Zeit vergessen kann. Die Speisen werden in relativ kurzen Zeitabständen serviert und so waren kurz vor Mitternacht nahezu alle Gäste mit ihren Menüs fertig. Bei vielen anderen Restaurants sitzt man danach noch einige Zeit gemütlich beisammen, trinkt noch eine Flasche Wein oder einen Digestif. Hier war das kaum der Fall. Vielleicht wird dies ja auch ganz bewusst in diese Richtung gesteuert, uns hat es ein ganz klein wenig gestört.
Alles in allem war es aber vor allem kulinarisch ein tolles Erlebnis, bei dem sämtliche Sinne angesprochen wurden und das wir jedem nur empfehlen können!
[Bewertung 2009 > Guide Michelin: 3 Sterne; The World's 50 Best Restaurants: Platz 2]
1 Kommentar »




















am 2. September 2009 um 15:33 1.Melanie schrieb …
wow, klingt sehr interessant u. mega-mega ausgefallen!